Reconnecting Memories
Ilona Kálnoky
7. November 2026 – 15. Januar 2027
Wer am Strand eine Handvoll Sand aufnimmt, hält Gestein in der Hand, das Wasser und Wind über lange Zeit zerrieben haben. Salz bleibt zurück, wenn Meerwasser verdunstet, Wachs bewahrt den Abdruck der Hand, die es geformt hat. Jedes Material trägt ein Gedächtnis. Mit diesem Gedächtnis der Stoffe arbeitet die Bildhauerin Ilona Kálnoky, und ihre neuesten Arbeiten zeigt unsere Galerie unter dem Titel reconnecting memories.
Am Anfang stand die Keramik. Kálnoky, 1968 in der Steiermark geboren, lernte zuerst dieses Handwerk, in dem Ton erst im Feuer seine endgültige Gestalt findet. Danach studierte sie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Karin Sander und Bernd Wilde. Heute lebt sie in Berlin und in der Uckermark. Sie hat das UM-Festival für zeitgenössische Kunst, Musik und Literatur mitgegründet und engagiert sich dort für Schulprojekte zu Kunst und Biodiversität. In ihrer Arbeit lässt sie dem Material Raum. Sand, Salz, Wachs, Gips, Lava und Glas, oft Rohstoffe, die auf den ersten Blick nicht wertvoll erscheinen, setzt sie Prozessen aus, die sich nur zum Teil steuern lassen. Ihre sculpture sketches sind Versuchsanordnungen, in denen Material, Handlung und Prozess zusammenkommen. Daraus entsteht, so die Künstlerin, „eine Enzyklopädie des Skulpturalen, bei der der Zwischenraum eine besondere Bedeutung erhält“. Die Objekte stellt sie in einem Regalsystem aus oder produziert daraus Fotoeditionen.
Zu dieser Enzyklopädie gehören Wörter wie wave-suspend-continue, flood-open-breath und gather-swell-expand. Kálnokys Titel lesen sich wie Anweisungen, sie benennen Vorgänge. Damit stehen sie in der Nachfolge von Richard Serra. Der amerikanische Bildhauer notierte 1967 und 1968 eine Liste von 84 Verben wie to roll, to fold und to spill und ergänzte sie um Zusammenhänge wie of gravity und of entropy. Diese Verb List, heute in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York, verstand er als Handlungen im Verhältnis zu Material, Ort und Prozess. Kálnokys Relief of time #1 klingt wie ihre Fortschreibung, und es benennt das Thema, um das die ganze Ausstellung kreist: die Zeit.
In den Salzarbeiten wird diese Zeit sichtbar. In wave-suspend-continue und flood-open-breath liegen Glas, Wachs und Salz in Gehäusen aus Plexiglas, in gather-swell-expand verbinden sich Gips, Salz und Wachs, in of time #1 Keramik und Salz. Keine dieser vier Arbeiten ist abgeschlossen. Ihre Datierung endet mit einem Strich hinter dem Jahr, 2021 oder 2026, und dieser Strich bleibt offen: Die Werke arbeiten weiter, solange es sie gibt.
Wie weit dieser Gedanke trägt, zeigt ein Werk in Mitteldeutschland. In der Burchardikirche in Halberstadt erklingt seit dem 5. September 2001 das Orgelstück ORGAN²/ASLSP des amerikanischen Komponisten John Cage, „As Slow As Possible“, über 639 Jahre bis zum Jahr 2640. Am 5. August 2026 wechselte der Klang zum 17. Mal, der nächste Wechsel folgt am 5. Oktober 2027. Kálnokys Salzarbeiten teilen mit Cages Komposition eine Haltung: Das Werk ist ein Vorgang, und wir erleben jeweils einen Ausschnitt davon.
Manches Werk überdauert bei Kálnoky allein als Fotografie. Zwei dieser Fotoeditionen gehören zur Ausstellung, Latex und Sand, Fine-Art-Prints auf Radierpapier mit jeweils neun Motiven in einer Auflage von acht Exemplaren.
Mit dem Sand ist die Erinnerung erreicht, die der Titel verspricht. Der amerikanische Land-Art-Künstler Robert Smithson, bekannt für seine Spiral Jetty im Großen Salzsee von Utah, schrieb 1968 in der Zeitschrift Artforum über Geist und Erde als Landschaften in ständiger Erosion, in denen „mentale Flüsse abstrakte Ufer abtragen“. Sand, Quarzsand und Lavasand sind solche Ablagerungen, und in der Werkreihe reconnecting memories werden sie zum Bild. Auf einem Blatt Papier sammelt sich Lavasand zu einer kleinen Wolke. Auf zwei Konsolen lehnen Glasscheiben mit Sand und Quarzsand. Auf eine Wand der Galerie trägt Kálnoky den Sand direkt auf.
Diese Wand führt zurück zu ihrer Lehrerin. Karin Sander schleift für ihre Wandstücke eine Wandfläche, bis sie spiegelt. Das Bild entsteht durch Wegnehmen von Material. Seit 1992 ist eine solche Arbeit dauerhaft im Museum Abteiberg in Mönchengladbach installiert, und auch das Museum of Modern Art und das Guggenheim Museum in New York haben die Werkgruppe gezeigt. Kálnoky kehrt die Geste um. Sie fügt der Wand ein Minimum an Stoff hinzu.
Wir leben in einer Zeit, in der Bilder im Sekundentakt über unsere Bildschirme ziehen. Das eine ist schon verschwunden, bevor das nächste erscheint, und für das Dazwischen bleibt kaum Raum. Kálnokys Arbeiten setzen diesem Takt ein anderes Maß entgegen. Salz und Sand lagern sich in ihrem eigenen Tempo ab, und wer vor ihnen stehen bleibt, gewinnt diesen Raum zurück.
Am Ende steht der Zwischenraum. 1968 goss der amerikanische Künstler Bruce Nauman den Raum unter seinem Stuhl ab. Die britische Bildhauerin Rachel Whiteread, 1993 als erste Frau mit dem Turner Prize ausgezeichnet, führte den Gedanken seit den 1990er Jahren fort und goss die Leerräume unter Stühlen und Tischen. Beide machen das Dazwischen fest. Kálnoky lässt es offen. Ihre Standskulpturen sind als Paare angelegt, zwei Körper aus Gips, Lava und Lack auf schlanken Stäben und der offene doppelkonus aus versilbertem Kunststoff. Zwischen ihnen bleibt Luft, und genau dort stellen sich die Verbindungen her, von denen der Titel spricht.
So wird reconnecting memories in unserer Galerie zu einem Gang durch das Gedächtnis der Stoffe, vom einzelnen Verb über die Ablagerung im Sand bis zum leeren Raum zwischen zwei Körpern. Gern laden wir Sie ein, ihn selbst zu gehen.
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